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Die Esso-Häuser: „Eine quicklebendige Legende“

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Isabella David
@isabelladavid89

Chefredakteurin | Studentin der Politikwissenschaft an der Universität Hamburg | Kontakt: david@hh-mittendrin.de

Am Sonntag demonstrierten auf St. Pauli rund 2000 Menschen für den Erhalt der Esso-Häuser. Seit 2009 sind die Esso-Häuser Eigentum der Bayrischen Hausbau, die den Gebäudekomplex abreißen und durch profitablere Bauten ersetzen will. Die Esso-Häuser sind für die BewohnerInnen mehr als Gebäude – sie sind Zuhause, ein Stück Seele des Viertels und vor allem eine Bastion gegen die Vermarktung St. Paulis. 

Nach dem Fußballspiel des FC. Sankt Pauli gegen Hertha BSC (Endstand 2:3) fanden sich am Sonntag am Südkurvenvorplatz an der Budapester Straße rund 2000 Menschen zusammen, um für den Erhalt der Esso-Häuser zu demonstrieren. Vom Millerntor-Stadion zogen die DemonstrantInnen über die Große Freiheit zum Spielbudenplatz direkt vor die Esso-Häuser. Rund 700 Polizeibeamte begleiteten den friedlichen Demonstrationszug. Den Aufruf zu der Demonstration unter dem MottoKein Abriss der Esso-Häuser – Wir sind kein Objekt!“ wurde von mehr als 60 Initiativen und Gruppen unterstützt. Die Initiative Esso-Häuser, Veranstalterin der Demonstration, kämpft bereits seit vier Jahren für den Erhalt der Gebäude am Spielbudenplatz. Der an der namensgebenden Esso-Tankstelle liegende Gebäudekomplex beherbergt etwa 110 Wohnungen, aber auch Kultclubs wie das Molotow, die MeanieBar und Planet Pauli sowie das Autohotel. Bis 2009 waren die Gebäude Eigentum der Familie Schütze, die auch die Tankstelle betreibt. Der neue Eigentümer, die Bayrische Hausbau, kündigte an, den sanierungsbedürftigen Gebäudekomplex abreißen und durch profitablere Neubauten ersetzen zu wollen. Die BewohnerInnen wehren sich gegen diese Entscheidung. Gemeinsam mit NachbarInnen und StadtaktivistInnen kämpfen sie für den Erhalt der Esso-Häuser. Die Bayrische Hausbau verspricht den MieterInnen zwar eine Rückkehr in den Neubau ermöglichen zu wollen, doch gibt es bisher keine rechtsverbindlichen Zusagen. Auch wären die Umzüge für viele Bewohner aus gesundheitlichen oder altersbedingten Gründen eine hohe Belastung. Für die Clubs, die seit Jahrzehnten das Gesicht des Stadtteils geprägt haben, würde ein Abriss das Ende ihrer Existenz bedeuten. „Nicht wenige der BewohnerInnen leben und arbeiten seit Jahrzenten auch auf dem Kiez. Sie erlebten und prägten das Viertel, als es noch nicht für Stadtmarketing, Investoren und Besserverdienende attraktiv gemacht wurde“, sagt ein Aktivist der Initiative „Esso-Häuser“ am Sonntag. Das Areal stehe symbolisch für den rauen, vielfältigen und offenen Charakter des Stadtteils. „So was lässt sich nicht von Investorenhand nachbauen“, heißt es aus der Initiative Esso-Häuser.

Die Esso-Häuser besitzen nicht nur für St. Pauli, sondern für ganz Hamburg eine besondere Symbolkraft. Zwischen den Tanzenden Türmen, dem TUI-Operettenhaus und der Vattenfall-Bühne auf dem Spielbudenplatz stehen die Esso-Häuser wie ein Mahnmal des ursprünglichen Viertels. „Willkommen im Abenteuerland St. Pauli! Mit einem Abriss der Esso-Häuser wäre St. Pauli endgültig in der ersten Reihe der Gentrifizierung angekommen“, sagt ein Mitglied der Initiative Esso-Häuser bei der Demonstration am Sonntag. Die Esso-Häuser seien vor allem politischer Sprengstoff. „Der Kampf um die ESSO-Häuser steht symbolisch für verschiedene Entwicklungen auf St. Pauli, in Hamburg und anderen Städten“, so der Aktivist weiter. Vor dem Niebuhrhochhaus an der Reeperbahn 157 macht der Demonstrationszug halt und thematisiert die Konflikte, die die BewohnerInnen hier mit dem Investor haben. Die Notgemeinschaft Breite Straße und die Initiative Reeperbahn 157 erklären sich solidarisch mit den Protesten für den Erhalt der Esso-Häuser. Auch die Initiative Rettet Elisa entrollte ihr „Wir bleiben“-Banner am Spielbudenplatz. „Fühlt euch nicht sicher! Wir dachten bei einer Genossenschaft kann uns nichts passieren! Hört nicht auf zu protestieren, wir verlieren sonst die Vielfalt dieser Stadt“, appelliert Aktivistin Corinna von „Rettet Elisa“ an die DemonstrantInnen auf dem Spielbudenplatz. „Verstärkung“ erreichte die DemonstratInnen durch den Megafonchor vom Schwabinggrad Ballett. In Sprechchören mit elektrischen Megafonen schallten Zitate von BewohnerInnen künstlerisch inszeniert über den Spielbudenplatz. Die Zitate stammen aus Interviews, die für den Film über die Esso-Häuser durchgeführt wurden. „Das da unten an der Tanke ist der Dorfplatz man“, heißt es beispielsweise in den Sprechchören der KünstlerInnen. Die Aktion fand im Rahmen der Protestkulturwoche auf St. Pauli statt

 

Derzeit wird ein Gutachten über die Tragfähigkeit der Gebäude erstellt. Die BewohnerInnen und AktivistInnen sehen eine Sanierung als Alternative zum Abriss. „In den kommenden Monaten wird eine Entscheidung fallen – eine politische!“, so ein Aktivist der Initiative Esso Häuser.  Die Pläne des Investors ließen sich nur verwirklichen, wenn der geltende Bebauungsplan von der Politik geändert würde. Die AktivistInnen fordern eine Stadtentwicklung, die sich an den Bedürfnissen der BewohnerInnen orientiert und nicht den Interessen eines „Unternehmens Hamburg“:  „Wir wollen unsere Träume und Visionen vor den Abrissbirnen retten. Die Esso-Häuser sind eine quicklebendige Legende – sind Heimat, Zuhause, Denkmal ohne Schutz!“

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