Am Samstag haben auf St. Pauli und in Altona mehr als 1.000 Menschen für bezahlbaren Wohnraum und eine soziale Stadtentwicklungspolitik protestiert. Unter dem Motto „Stadtteil-Ausverkauf – alles muss raus“ zog die Demonstration zu den Hotspots der Hamburger Wohnungspolitik.
Von Isabella David und Henry Lührs
Jannette Bleeker ist empört. Empört darüber, dass in ihrem Viertel ein neuer Bürokomplex entsteht – und das genau da, wo eigentlich 86 neue Wohnungen gebaut werden sollten. Empört ist sie auch darüber, dass die BewohnerInnen des Stadtteils dabei kein Mitspracherecht haben. Mit ihrer Empörung ist Bleeker nicht allein: Mehr als 1.000 Menschen sind am Samstag für bezahlbaren Wohnraum und mehr Bürgerbeteiligung bei Bauprojekten in Hamburg auf die Straße gegangen.
„Ich fühle mich im Angesicht einer bürgerfeindlichen, rücksichtslosen und finanzorientierten städtebaulichen Politik entehrt“, sagt Bleeker, die sich in der Initiative „Pro Wohnen Ottensen“ engagiert, bei der Auftaktkundgebung der Demonstration am Millerntorplatz. „Wir fühlen uns regelrecht ausverkauft“, ergänzt Hauke Sann aus Ottensen. Deshalb auch das Motto der Demonstration: „Stadtteil-Ausverkauf – alles muss raus“. Zu der Demonstration hatte ein breites Bündnis Hamburger Initiativen aufgerufen, die sich zum Teil bereits seit Jahren für Wohn-, aber auch Freiraum in den Stadtteilen einsetzen.
Hauke Sann über den „Stadtteil-Ausverkauf“:
Die Route der Demonstration liest sich wie eine Auflistung der Brennpunkte stadtentwicklungspolitischer Auseinandersetzungen: Niebuhrhaus, Erichstraße, Ikea in Altona, der Spritzenplatz. Den ersten Brennpunkt erreicht der Protestzug jedoch schon nach wenigen hundert Metern – das umkämpfte Areal der Esso-Häuser.
Wo „kaputt besitzen“ sich lohnt
Für viele sind die Esso-Häuser ein Symbol für Gentrifizierung und „Investorenphantasien“ auf St. Pauli. „Kaputt besitzen hat sich hier gelohnt“, heißt es von der Initative Esso-Häuser, die sich jahrelang für einen Erhalt der Bauten am Spielbudenplatz eingesetzt hatte. Nach nächtlicher Evakuierung und Abriss steht vor dem Areal heute die „Planbude„. Für die Initiative noch keine Beteiligung „auf Augenhöhe“, dennoch aber eine große Chance, die Bedürfnisse und Interessen der BewohnerInnen des Viertels durchzusetzen – und letztlich Einfluss darauf zu nehmen, was der Investor, die Bayerische Hausbau, auf der Fläche baut.
Viele sind selbst betroffen
Zum großen Stadtteil-Ausverkauf kamen mehr als 1.000 HamburgerInnen. Mit viel Kreatvität machten die DemonstrantInnen darauf aufmerksam, wie dringend bezahlbarer Wohnraum in der ganzen Stadt benötigt wird. Dabei nahmen sie auch die Wohnungspolitik des SPD-Senats und die vielfältigen Problemlagen bei Genossenschaften und Wohnungsbauunternehmen in die Kritik.
Auch Laura aus Barmbek demonstrierte am Samstag: „In meiner Strasse kauft die „Akelius“ ein Haus nach dem anderem und lässt viele Wohnungen dann leer stehen. Daraus sollen dann Eigentumswohnungen werden.“ Die Konsequenz: Steigende Mieten. Aus Lauras Sicht ist die „Akelius“ ein „Heuschreckeninvestor“.
Dirk und Conny aus Ottensen waren auf der Straße, um für bezahlbaren Wohnraum und Bürgerteiligung bei Bauprojekten zu protestieren. „Vor allem beim Zeise-Parkplatz finden wir es schlimm, was gerade passiert. Dass Bürgern Wohnungen versprochen werden und stattdessen Werbeagenturen in das Gebäude reinkommen, die in den Stadtteil gar nicht reinpassen, hat uns sehr aufgeregt. Wir hoffen, dass viele Leute beim Bürgerbegehren unterschreiben, damit dieser Bürokomplex verhindert wird.“
Ein Preis für den Top-Gentrifizierer
Eben dieser „Aufreger“ war auch Ziel der Demonstration am Samstag – der Zeise-Parkplatz in Altona. Ursprünglich sollten hier 86 neue Wohnungen entstehen, 41 davon Sozialwohnungen. Stattdessen entsteht in der Friedensallee nun ein sechsstöckiger Neubau. Einziehen sollen hier gleich zwölf Werbeagenturen. Unter anderem die Agentur Scholz&Friends, die ihren Sitz derzeit noch in der Hafencity hat. Für die Initiative „Pro Wohnen Ottensen“ Grund genug Scholz&Friends auszuzeichnen: In der vergangenen Woche überreichten Aktivisten der Agentur die goldene „Gentrifizierungsschraube“.
Aus Sicht der Initiative besonders skandalös: Die Fläche wurde von der Stadt an den Investor veräußert. „Wir fordern sofortigen Baustopp und den Rückkauf der Fläche durch die Stadt“, sagt Hauke Sann („Pro Wohnen Ottensen“). Danach müsse man die BürgerInnen beteiligen und den ursprünglich geplanten Wohnungsbau durchführen. Damit die Initative diese Forderungen schließlich durchsetzen kann, werden derzeit Unterschriften für ein Bürgerbegehren gesammelt.
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