Kolumne Wahnsinnsstadt: „Immobilien“

Meinungen
Jan Freitag

Freier Journalist und Autor | Blog: http://freitagsmedien.com/ | Schreibt bei Mittendrin über die "Wahnsinnsstadt" Hamburg und den wöchentlichen TV-Dschungel

Diese Stadt ist ein riesiges Monopoly-Feld, auf dem zum Wohle des Geldes bestenfalls aneinander vorbei geredet wird, findet Jan Freitag. 

Häuser – für diese Sicht der Dinge braucht man weder Architekt noch Makler zu sein – haben auch einen immateriellen Wert. Er bemisst sich – wenngleich Architekten und Maklern das meist herzlich egal ist – an schwer taxierbaren Kategorien wie Lebensqualität, Erinnerungskultur, Heimatgefühl. Häuser – hier nun dürften Architekten wie Makler gelangweilt die Seite verlassen – haben also nicht nur ihren Preis, sie haben mehr noch eine Seele. Zu dumm, dass Physis und Psyche, Geldbeutel und Gemüt, Oberfläche und Inhalt oft verschiedene Sprachen sprechen.

Drei, um genau zu sein.

Die erste beschreibt ein eklatantes Missverhältnis zwischen Wohnen und Profitinteresse. Es ist eine Sprache des permanenten, oft bewussten Aneinandervorbeiredens. Die zweite sorgt noch lange nicht für wechselseitiges Verständnis, bedient sich aber immerhin eines kongruenten Vokabulars. Die dritte schafft etwas, das auf dem Immobilienmarkt weit weniger wichtig ist als Quartalszahlen und Staffelmieten: Kommunikation. Sie herrscht zuweilen sogar in der Freien und Abrissstadt Hamburg, die – egal von welcher Farbe regiert – seit dem großen Brand von 1842 ihr vorrangiges Ziel darin sieht, bauliche Ansprüche der Bewohnenden bei jeder Gelegenheit dem Anspruchsdenken der Besitzenden nachzuordnen.

Gemeinwohl statt Gewinn

Das drohte auch dem Frappant, einst eine Kaserne mit der zeitgenössischen Durchhalteparole „Viktoria“ davor, in schönster Altonaer Gründerzeitlage gelegen und somit praktisch unbezahlbar – nicht nur in Euro pro Quadratmeter, vor allem in Zufriedenheit pro Daseinsminute. Doch dann, oh Wunder, wurde geredet. So konstruktiv, unvoreingenommen, so zielführend, dass die Stadt ihr schickes Rotklinkerensemble voller Türmchen, Erker, reichlich Platz für läppische 1,85 Millionen einer Initiative Kulturschaffender namens fux überließ, und jetzt kommt’s: Zur künstlerischen Verfügung, also dem Gemeinwohl statt Gewinnen verpflichtet.

Um nahezu das Hunderfache, genauer: 130 Millionen Euro ging es hingegen beim Gespräch der zweiten Kategorie. Nach langen Verhandlungen ging ein Teil der früheren Zentrale vom Axel-Springer-Konzern am entsprechenden Platz in öffentlichen Besitz über. Wo die Zentralorgane bürgerlicher Reaktion vorm Umzug nach Berlin ein halbes Jahrhundert lang ihre Messer gegen alles Unpatriotische, Fremde, Kluge wetzten, soll nach der Übergabe im nächsten Jahr womöglich das Bezirksamt Mitte einziehen, was ein guter Ort wäre, besser jedenfalls als am autogerechten Hauptbahnhof. Nun kann man über den Preis einer sanierungsbedürftigen Großimmobilie dieser Art diskutiert werden, aber der Kauf könnte dafür sorgen, dass dem denkmalschutzrechtlich vernachlässigten Gebäudebestand der frühen Nachkriegszeit endlich mal Genüge gleistet wird, wenn der kennzeichnende Komplex nicht wie üblich geschleift, sondern belebt wird.

Betriebsblinde Dreistigkeit

Womit wir bei der ersten Sprache wären, die des Profits um seiner selbst willen, entkoppelt vom Umfeld, eiskalt und berechnend. Am Montag wurde mit dem Abriss des nahezu 300 Jahre alten Brauhauses am Eppendorfer Marktplatz mitsamt dreier Kastanien begonnen. Gegen den erbittertem Widerstand vieler Anwohner, mehr aber noch gegen jede Vernunft hat das Bezirksamt Nord dem Investor speichelleckend den Weg planiert, das letzte Stück dörfliches Viertel für einen seelenlosen Formatbau mit Tiefgarage zu opfern, der auf sumpfigem Terrain die Statik der ganzen Kreuzung gefährden wird. Mit falschen Gutachten, geistigen Abrissbirnen und betriebsblinder Dreistigkeit beerdigt Hamburg also ein weiteres Stück seines steinernen Gedächtnisses. Diese Stadt ist eben ein riesiges Monopoly-Feld, auf dem zum Wohle des Geldes bestenfalls aneinander vorbei geredet wird, wenngleich nicht mit allen. Die Brauhaus-Investoren hat Bezirksamtsleiter Harald Rösler sicher oft zum Plausch geladen. Für die Bürgerinitiative dagegen gab’s nur Schweigen.

Foto: Isabella David
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1 Kommentar

  1. Luzmmi

    16. März 2015 at 15:11

    Es gibt da in unserem Grundgesetz eine kleine Passage, die sich genau diesem Interessenkonflikt widmet. Lustigerweise wird sie von Politikern wie Journalisten und erst Recht von den eigentlich Angesprochenen bei solchen Diskussionen ignoriert.
    Vermutlich, um nicht in den Ruf des „Gutmenschen“, reaslitätsfremden Illusionärs, Ex-„Geh-doch-nach-drüben“-Empfängers zu kmmmen. Es hat sich eine kollektive Vermeidungssstrategie entwickelt, die diesen Teil der Verfassung aushebelt – also, genau besehen, Verfassungsfeindlich ist.
    „Eigentum verpflichtet. SEIN GEBRAUCH SOLL ZUGLEICH DEM WOHLE DER ALLGEMEINHEIT DIENEN.“
    Was für eine unverschämte Zumutung …

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