„Mittendrin dabei“: Alles für Alle

Foto: Chantal Weber
Stadtgespräch
Daniela Chmelik

Freie Autorin | Studium der russischen und deutschen Literaturwissenschaften

In einem Hamburger Hinterhof produziert eine abgedrehte Band aus Musikern mit und ohne Handicap Euphorie-Pop unter dem Schlachtruf „Alles für Alle“. 

Philip Riedel, 30, wohnt auf St. Pauli und ist Keyboarder. Er hat seine Ausbildung zum Musiker und Tänzer bei dem inklusiven Künstler-Netzwerk barner 16 gemacht und spielt nun seit fast zehn Jahren bei Station 17, dem Aushängeschild und Gründungsprojekt der barner. Die barner beherbergt – außer vieler Proberäume und Tonstudios – ein Labor für künstlerische Experimente, eine Film- und eine Literaturwerkstatt, das Label 17records und vieles mehr. Einmalig ist, dass diese Institution behinderten Künstlern Vollzeitarbeitsplätze bietet.

Philip fährt mit der S-Bahn zur Arbeit, während der Fahrt schaut er sich Tätowiermagazine an. Er hätte gern ein Einhorn auf dem Rücken. Leider reicht das Taschengeld dafür nie. Fragt man Philip, was die beste Band der Welt sei, antwortet er prompt: „Station 17!“ Bescheidenheit ist nichts für unverfälschte Typen. „Und was ist deine zweitliebste Musik?“ – Er sagt etwas, das wie „Lakritz“ klingt; sein Bandkollege Christian Fleck übersetzt: „Black Hits von Bravo Hits. Außerdem hört Philip gern Hiphop und schnelle Indiedisco-Mucke.“ Philip ergänzt, dass er Schlager besser finde als Punk. Auf Festivals verausgabt er sich nach dem eigenen Auftritt beim Pogo – zu Broilers, Wildecker Herzbuben, K.I.Z, egal – und landet daraufhin wegen Rücken schon mal im Sanitätszelt.

Die beste Band der Welt

Station 17 wird für renommierte Festivals wie Fusion, Hurricane, Immergut, Dockville und das Reeperbahnfestival gebucht. Weniger gern spielt man auf Behindertenfestivals oder beim Bundespräsidenten: Bei Behindertenfestivals gibt’s oft keine gute Gage und beim Bundespräsidenten keinen Alkohol. Außerdem werden beim Bundespräser unterschiedslos alle Bandmitglieder auf Drogen gefilzt.

An die 100 Auftritte absolviert die Band im Jahr. Die Mitglieder sind Musiker im Hauptjob. Auf Touren trinkt man im Stil professioneller Rockstars Minibars leer, löst durch Rauchen in Nichtraucherzimmern Alarm aus und knackt den Code für den Porno-Kanal. Meistens versehentlich. Auf der Bühne geht es exhibitionistisch zu, der Saxophonist entblößt sich gerne schon nach dem zweiten Song und erklärt dem Publikum regelmäßig: „Ich liebe Dich!“ Seltener kommt es zu kleinen Schlägereien zwischen den Rampensäuen. Meistens endet jedoch alles friedlich, das Publikum tanzt und Bier ist lecker.

Sind wir nicht alle ein bisschen behindert?

Es gibt aber auch Schattengeschichten. Station 17 hat zwar viele Fans und berühmte Freunde. Aber auch Gedisse kennt die Band. Ein völlig zugedröhnter Musiker rappte die Gruppe auf einem Festival backstage mal an: „You got a handicap? I got a candycap“, bevor er eine Mütze kandierter Früchte über dem Sänger mit Down Syndrom ausschüttete. Anschließend gröhlte er: „You are shit! You are shit!“ Der Sänger Andi, keine Englischkenntnisse, dafür Übergewicht, erwiderte traurig: „Ich darf keine Chips, bin auf Diät.“

Der Booker und Manager der Band hört von neuen Fans häufig die Frage, wer von den Musikern jetzt behindert sei und wer nicht: „Der Mann am Synthesizer, was für eine Behinderung hat der?“ – „Eigentlich keine.“ – „Aber euer Gitarrist hat was, oder?“ „Ich glaube nicht.“ Aber eigentlich: Sind wir nicht alle ein bisschen behindert?

Oder andersrum: Hat nicht jeder sein eigenes „normal“? Wird nicht „normal“ viel zu oft mit „perfekt“ gleichgesetzt? Da die Bandmitglieder oft miteinander unterwegs sind, werden Verhaltensweisen, Phrasen und Bewegungen adaptiert. Gegenseitig. Christian wackelt mit dem Kopf wie Philip, weil’s zum Beat passt, und Philip ruft nach Bier wie er. Oder umgekehrt. Wenn’s im Hotel um die Bettenverteilung geht, wollen ausnahmslos alle sich das Zimmer mit dem Manager teilen. Der hat nämlich die Kasse und sitzt allabendlich andächtig zwischen Scheinen und Münzen und zählt Einnahmen.

Station 17 am Elbstrand

Station 17 am Elbstrand. Philip Riedel: zweiter von rechts

Station 17 wurde 1988 von dem Musiker Kai Boysen in einer Hamburger Behinderteneinrichtung gegründet. Die Toten Hosen und Einstürzende Neubauten solidarisierten sich, auch DJ Koze half bereits bei der Produktion. Kettcar, Mediengruppe Telekommander, Wir sind Helden sind Fans der Band. Tocotronic und International Pony schauen bei Konzerten oder Proben vorbei, und zum Zivildienst war gefühlt die ganze Hamburger Schule hier. Der Bassist von 1000 Robota hat seine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann bei barner 16 absolviert und durfte im Background „Didididadadu“ singen. Fast jedes der bisher neun Studioalben verzeichnet musikalische Kooperationen, etwa mit Fettes Brot, Stereo Total, den Goldenen Zitronen, Chicks on Speed, Guildo Horn.
Im Musikvideo zum Titelsong des aktuellen Albums „Alles für Alle“ sieht man – neben Philip im Totenkopf-Pulli – Strizi Streuner von Frittenbude, der den Song auch mitentwickelte.

Grenzen sprengen

Zu den aktuellen Bandmitgliedern gehören Hauke Röh, zuvor Bassist bei der Punkrock-Band Frau Potz, Alexander Tsitsigias, der zudem bei der Indie-Band Schrottgrenze spielt, und Christian Fleck von den völlig unterbewerteten Spring Ducks, die Dance, Pop, Synth Wave und Funk auf sexy Weise verbinden. Dazu die weiteren Bandmitglieder und ihre komplett unterschiedlichen Lieblingslieder: Alles in Allem genresprengend, grenzüberschreitend. Entsprechend wird in „Alles für Alle“ die Erfundenheit von Grenzen festgestellt, werden brechende Grenzen besungen, „und ich bin genauso wie du!“

Übrigens...
Live ist diese Band erst recht ein Grund zum Feiern. Am 13. September gibt Station 17 im uebel&gefährlich ihr Tourabschluss-Konzert.

Philip Riedel zum Beispiel: ißt am liebsten Cheeseburger und Pizza Hawai, ist ein wortkarger Eigenbrötler, aber ein Performer auf der Bühne, er hat muskelöse Oberarme und eine Vorliebe für großflächige Tattoos, die er sich nicht leisten kann. Ein sehr gewissenhafter Mensch ist er obendrein. Als nach einem Konzert im vorvergangenen Jahr alle Bandmitglieder die Hochrechnungen zur Bundestagswahl verfolgten, baute er allein das Equipment ab, lud Gitarren in ihre Koffer, Kabel, Boxen, Mikros in den Tourbus und ging dabei so akribisch vor, dass er sogar das Schlagzeug Schraube für Schraube komplett auseinandernahm. Die Bandkollegen schlugen später die Hände über den Köpfen zusammen; für Philip war’s eine Frage der Sorgfalt. Wieder zusammengebaut hat das Schlagzeug dann jemand anderes. Aus Gründen der Gewissenhaftigkeit beendet Philip auch immer erst seine Mahlzeit, bevor er weiterarbeitet … und kommt mitunter erst zum zweiten Track auf die Bühne.

Station 17 ist definitiv eine Band. Vielleicht ist gar nicht feststellbar, wer hier eine Behinderung hat, und eigentlich ist es auch herzlich egal. Die Band macht Gute Laune-Pop, und für manche Menschen ist Station 17 die beste Band der Welt.

Daniela Chmelik stellt in ihrer Reihe Mittendrin Dabei! den Sommer über engagierte Projekte vor, die innovativ und nachhaltig sind, Menschen vom Rand in die Mitte holen und Hamburg und die Welt besser machen.

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