Jan Freitag hat sich durch den Mediendschungel der Woche gekämpft und hat ein Tiefdruckgebiet überm Boulevard und versteckte, gute Kulturformate gefunden.
Der Frühherbst ist gerade zum Eierlegen. Altweibersommer, nennt sich die heiter bis wolkige Wetterlage, was eher botanischen als sexistischen Ursprungs ist, doch das nur am Rande. Meteorologen der alten Schule hätten da konstanten Hochdruckeinfluss vermeldet, doch seit Jörg Kachelmann die Prognose revolutioniert hat, nennt man sowas eher „Sonne satt mit Blumenkohlwolken“, also ungefähr wie das, was seit Mittwoch nach einer langen Leidenszeit im populistischen Würgegriff der Springer-Presse auch über seinem eigenen Kopf herrscht: Da sie für ihre aberwitzige Vorverurteilungskampagne im Vergewaltigungsprozess gegen den später freigesprochenen Wetterpropheten zu 650.000 Euro Schadensersatz verdonnert wurde, hängt überm Boulevard hingegen ein kurz mal ein Tiefdruckgebiet.
Aussterbende feuilletonistische Alphatiere
Das allerdings ist bei weitem nicht dem zähen Bodennebel vergleichbar, der die Sicht des Prozessgewinners dank publizistischer Dreckschleudern wie der „Bild“ wohl lebenslang eintrüben dürfte, so sehr wie sein Ruf ruiniert ist. Dunkle Wolken hängen auch überm deutschen Feuilleton insgesamt: Hellmuth Karasek ist tot, und das ist wirklich mal ein Verlust für den Journalismus. Der Literaturkritiker hat dank seiner popkulturellen Grandezza schließlich nicht nur die Hochkultur von Teilen ihrer selbstgerechten Arroganz befreit; im „Literarischen Quartett“ gelang ihm von 1988 an 13 Jahre etwas, das heutzutage schlichtweg unmöglich erscheint: Lesefaule für Bücher zu begeistern, und sei es nur, weil sie der spaßliberalen Rampensau aus Hamburg gern dabei zusahen, wie sie genüsslich mit dem konservativen FAZ-Tier Reich-Ranicki aneinander rasselte.
Da ist es mehr als einer Randnotiz wert, dass die aktuelle Fortsetzung des „Literarischen Quartetts“ ausgerechnet am Tag nach Karaseks Tod aufgezeichnet wurde. Wie wenig sie ans Original heranreicht, darf man seinen blutjungen Nachfolgern indes nicht vorwerfen; die Zeiten sind halt andere. Feuilletonistische Alphatiere der Art Reich-Ranickis sterben aus. Maxim Biller müht sich zwischen Christine Westermann und Volker Weidermann redlich, dem Furor seines Urahnen nachzueifern. Und das Fernsehen leidet ja auch nicht am Mangel guter Kulturformate; sie werden nur meist versteckt. Weshalb das famose Nachwuchsteam von „aspekte“ Freitag vor zwölf läuft, bevor Böhmermanns „Neo Magazin Royale“ die Geisterstunde bereichert.
Lichtblicke am Rande der Aufmerksamkeit
Debiler Stumpfsinn wie die kriminalistische Klischeemüllkippe „Inspektor Jury“ indes kriegt vom ZDF leichten Herzens die Mittwochs-Primetime, während Staffel 4 der grandiosen „Girls“ tags zuvor zur ZDFneo-Mitternacht verschwindet oder das spannende Spin-Off von Roberto Savianos Mafia-Erzählung „Gomorrha“ ab Donnerstag zwölfmal Asyl bei Arte kriegt (ab 21 Uhr), gefolgt von „Dein Wille geschehe“, dem hochgelobten Achtteiler um fünf Priesteranwärter in einem französischen Kloster, der trotz des freudlosen Orts Heiterkeit verströmt. Das gilt auch für die preisgekrönte BBC-Serie „Call the Midwife“ mit Vanessa Redgrave als eine von vier neuen Hebammen in einem englischen Nonnenstift, der Frömmigkeit zuweilen sehr weit auslegt.
Auch die weiteren Lichtblicke der Woche werden im Sog öffentlich-rechtlicher Angebotspolitik an den Aufmerksamkeitsrand gedrängt. „Sketch History“ etwa, in dem Comedians wie Matthias Matschke und Bastian Pastewka Geschichte aller Epochen als putzige Clipshow mit etwas Hintersinn vermitteln, schafft es immerhin ins ZDF, aber erst nach der „heute-show“. Das hinreißende Flamenco-Märchen „Blancanieves“ um eine Gruppe kleinwüchsiger Matadoren dagegen läuft am Montag um 21.50 Uhr auf Arte, wo es nicht nur wegen der Musik, sondern mehr noch der schwarzweißen Ästhetik zum Niederknien anregt.
Zeitlos beeindruckend und zum Brüllen komisch
Apropos: Die „Wiederholung der Woche“ namens „Die Schuldigen“ ist nicht nur wegen der schwarzweißen Knisteroptik sehenswert, sondern mehr noch, weil die Story eines italienischen Staatsanwalts, der 1957 nach einem Tankstellenüberfall seinen eigenen Sohn anklagt, zeitlos beeindruckt. Weniger beeindruckend als zum Brüllen komisch ist unverdrossen der farbige Wochentipp „Zoolander“ (Freitag, 20.15 Uhr, ZDFneo) mit Ben Stiller und Owen Wilson als strunzblöde Supermodels im Streit um den besten Look. Und weil die ARD diesmal leicht unterrepräsentiert ist, empfehlen wir als Dokuratschlag an dieser Stelle die ganze Themenwoche mit ihrem reichhaltigen Sachfilmangebot zum zeigemäßen Sujet Heimat.
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