Demo gegen Rassismus in Harvestehude

Politik
Annika Lasarzik
@miracledrug

Ressortleiterin Politik I Studium der Politikwissenschaft, Journalistik und Kommunikationswissenschaft in Hamburg und Bordeaux I Kontakt: lasarzik@hh-mittendrin.de

Mehrere hundert Menschen haben am Sonntagnachmittag unter dem Motto „Rassismus benennen. Die Mitte entlarven“ in Hamburg demonstriert. Der Aktion war ein Streit mit dem Verein „Flüchtlingshilfe Harvestehude“ vorausgegangen.

700 Menschen waren es laut der Polizei, die Veranstalter selbst gehen von 1200 Teilnehmern aus: Trotz Regen und sprichwörtlichem Schietwetter zogen am Sonntagnachmittag zahlreiche Menschen in einem Demonstrationszug durch die Stadt. Zum Ort des Geschehens wurde diesmal eine beschauliche Gegend am Alsterufer.

Hintergrund der Aktion war der Baustopp einer geplanten Flüchtlingsunterkunft in Harvestehude. 220 Geflüchtete sollten im ehemaligen Kreiswehrersatzamt an der Sophienterrasse untergebracht werden, drei Anwohner reichten Klage ein. Ende Januar gab das Oberverwaltungsgericht Hamburg dem Eilantrag der Anwohner statt, das Bauvorhaben wurde bis auf Weiteres gestoppt. Die Begründung: Das Haus liege in einem „besonders geschützten Wohngebiet“. Einem Bebauungsplan von 1955 zufolge sei eine „soziale Einrichtung“ wie ein Asylbewerberheim in dieser Größenordnung nicht genehmigungsfähig.

Dass eine Flüchtlingsunterkunft in dieser Premiumlage durch einen Gerichtsbeschluss verhindert werden kann, kritisiert die Initiative „Refugee support Harvestehude“, die zur Demonstration aufgerufen hat. In den Argumenten einzelner Anwohner, wie hohen Kosten des geplanten Umbaus des Kreiswehrersatzamtes und fehlenden Einkaufsmöglichkeiten in der Umgebung, sehen die Aktivisten einen latenten Rassismus.

Seitenhiebe aufs gutbürgerliche Milieu

Nachdem sich gegen 15 Uhr etwa 500 Menschen am Bahnhof Dammtor versammelt hatten, zog der Demonstrationszug über den Mittelweg bis zur Baustelle an der Sophienterrasse. Polizeieinheiten hatten das Kreiswehrersatzamt zu diesem Zeitpunkt bereits weitläufig abgeschirmt, eine Kundgebung in direkter Nähe verlief friedlich.

Neben dem bekannten Slogan „Kein Mensch ist illegal, Bleiberecht überall“ waren von den Demonstranten an diesem Nachmittag immer wieder solche Rufe zu hören, die einen deutlichen Seitenhieb auf das gutbürgerliche Milieu in Harvestehude darstellten: „Harvestehude geh mal chillen, wir enteignen eure Villen“, hieß es etwa. Tatsächlich gilt das Quartier mit seinen rund 17.000 Bewohnern als einer der reichsten Stadtteile Hamburgs und ein teures Pflaster: Im Durchschnitt zahlen die Bewohner rund 17 Euro Miete pro Quadratmeter und verdienen rund 90.000 Euro jährlich, an der Ecke um die Sophienterrasse säumen Altbauvillen das Alsterufer.

Die Mittendrin-Redakteurinnen Carla Baum und Paolina Theophil haben eine Sprecherin des Vereins „Flüchtlingshilfe Harvestehude“ im Februar zum Gespräch getroffen – was der Verein zur Debatte um die geplante Unterkunft zu sagen hat, seht ihr hier:

Streit mit lokalem Flüchtlingsverein

Die Organisatoren werten die Aktion als Erfolg: „Diese Demo war nicht nur ein starkes Zeichen in Richtung des Oberverwaltungsgerichtes, sondern schuf obendrein die Möglichkeit das strukturelle Problem des Rassismus in unterschiedlichen Kontexten zu beleuchten und zu kritisieren“, sagte Azadeh Schmitt, die stellvertretend für den Organisationskreis sprach.

Vertreter des Vereins „Flüchtlingshilfe Harvestehude“ hatten die Organisatioren der Demonstration vorab allerdings scharf kritisiert und dazu aufgefordert, die Aktion ganz abzusagen. Der Grund: Die lokalen Unterstützer der geplanten Flüchtlingsunterkunft sahen ihre Arbeit gefährdet, das Motto „Rassismus benennen“ stemple einen ganzen Stadtteil als rassistisch ab.

Entscheidung im April erwartet

Wie es mit der geplanten Unterkunft an der Sophienterrasse weitergehen soll, ist noch nicht abschließend geklärt. Das Bezirksamt Eimsbüttel hat Beschwerde gegen die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts eingereicht. Die Anwohner, die den Baustopp erwirkt hatten, haben nun Gelegenheit zu einer Stellungnahme. Anschließend kann der Bezirk erneut vor Gericht angehört werden. Ein endgültiges Urteil wird Ende April erwartet.

Verwandte Artikel:

Fotos: Henry Lührs

Kommentare anzeigen (1)

1 Kommentar

  1. Pingback: Angelika Beer » Angelika Beer, die PIRATEN und “Das Bündnis gegen Rechts Neumünster” auf der Demo #Kielweltoffen 2.0

Artikel kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Mehr in Politik

Demonstration Golden Pudel, 19.2.2016, Foto: Isabella David

Demo für den Pudel Club: „Unsere Ruine kriegt ihr nicht!“

Isabella David20. Februar 2016
1-Michael_Neumann_SPD1

Innensenator Neuman tritt zurück – Grote wird Nachfolger

Isabella David18. Januar 2016
Winternotprogramm Münzviertel, Oktober 2015, Foto: Isabella David

Petition an die Sozialbehörde: „Das Winternotprogramm tagsüber öffnen!“

Isabella David8. Januar 2016
Tegida Demo Januar 2015, Foto: Henry Lührs

Anpacken statt lang schnacken – das war 2015 in Hamburg-Mitte

Isabella David31. Dezember 2015
Tagesstätte für Geflüchtete, Bieberhaus, Foto: Isabella David

Tagesstätte für Geflüchtete im Bieberhaus: „Vieles ist improvisiert“

Isabella David17. Dezember 2015
Schulstreik 2013, Foto: Dominik Brück

Schüler demonstrieren: „Bleiberecht statt Waffenexporte“

Isabella David17. Dezember 2015
Hosemann, City-Hof, Foto: Isabella David

Interview: „Dem City-Hof ein Denkmal setzen“

Isabella David10. Dezember 2015
FOTO: POLITIKWERFT DESIGNBÜRO

„Basta-Politik gescheitert“: Scholz nach Olympia-Referendum in der Kritik

Isabella David9. Dezember 2015
Olympia in Hamburg

Diskussion: Olympia in Hamburg – ja oder nein?

Mittendrin27. November 2015

Rund um Billstedt, Billbrook und Horn atmet die grüne Lunge der Stadt. In Hamm, Rothenburgsort, Borgfelde, Hammerbrook, St.Georg, der Alt- und Neustadt, und auf St. Pauli riecht und schmeckt man Hamburg an jeder Straßenecke. Die Hafencity glänzt und glitzert im Schatten der dicken Pötte und Kräne.

Die andere Seite der Elbe auf der Veddel, in Wilhelmsburg, auf dem Kleinen Grasbrook, in Steinwerder, Waltershof, Finkenwerder und auf der Insel Neuwerk lässt hanseatische Tradition spürbar werden.

Das ist Hamburg-Mitte, unser Bezirk inmitten einer lebhaften Stadt. So vielfältig wie seine Bewohner sind die Geschichten, die wir erzählen.

Mittendrin ist Name und Programm – täglich sind wir unterwegs und bringen euch spannende Reportagen, aktuelle Lokalnachrichten und ausdrucksstarke Bilder und Videos aus Hamburgs bunter Mitte.

Hamburger Geschichten

© 2012 - 2015 Mittendrin | Alle Rechte vorbehalten. Impressum - Umsetzung Politikwerft Designbüro.