Junge Flüchtlinge: Letzte Hoffnung Recyclinghof

Politik
Annika Lasarzik
@miracledrug

Redakteurin I Studium der Politikwissenschaft, Journalistik und Kommunikationswissenschaft in Hamburg und Bordeaux I Kontakt: lasarzik@hh-mittendrin.de

Abgeschoben ins Nirgendwo? Eine Gruppe krimineller Minderjähriger, die als unbegleitete Flüchtlinge nach Hamburg kamen, soll zukünftig in einem Industriegebiet wohnen. Das stößt bei Flüchtlingsverbänden und Anwohnern auf Kritik.

zuerst erschienen bei Zeit Online.

Ein leerer Platz im Industriegebiet: Grauer Asphalt, massive Backsteinbauten. In einer Hauswand klafft ein Loch, der Wind pfeift über das Gelände. In alten Lagerparzellen liegen Stahlrohre, Kabel und Müll. Über dem Gelände liegt ein faulig-süßlicher Geruch. Zum Verweilen lädt der alte Recyclinghof nicht ein. Warum auch? Zum Wohnen war diese Gegend nicht gedacht.

Bis jetzt. Ende Februar sollen 20 junge Flüchtlinge auf dem ehemaligen Gelände der Hamburger Stadtreinigung in Hamm einziehen. 16 Wohncontainer stehen schon jetzt auf dem Platz am Bullerdeich. Im Inneren: Zwei eiserne Bettgestelle, zwei Metallspinde, in einer Ecke ein kleiner Tisch. Auf einer Bahntrasse hinter den Containern rauschen S-Bahn und ICE im Minutentakt vorbei.

Hier soll also bald jene kleine Gruppe minderjähriger unbegleiteter Flüchtlinge (“MUFs”) wohnen, die dem Kinder- und Jugendnotdienst schon länger Probleme bereiten. Sie gelten als „kriminelle Intensivtäter“, die in ihrer Unterkunft des Kinder- und Jugendnotdienstes an der Feuerbergstraße Betreuer attackiert haben.

Pädagogik mit repressiven Maßnahmen

Verhaltensauffällige junge Menschen in einem Industriegebiet? Das wirft Fragen auf. Zumal der Senat im Juli bekannt gab, die Fläche sei “für eine wohnähnliche Nutzung ungeeignet”. Auf eine Anfrage der Linksfraktion hieß es damals, der Standort werde nicht weiter geprüft. Nun scheint die Sozialbehörde in dem Umzug ins isoliert gelegene Areal eine erzieherische Maßnahme zu sehen. “Klare Grenzen im Alltag aufzeigen”, so nennt der Senat das in einer Antwort auf eine kleine Anfrage der CDU. Das “Erlangen von Vergünstigungen” und “die Kombination aus repressiven Maßnahmen und Hilfsangeboten” seien Teil eines pädagogischen Konzepts, das vom Landesbetrieb Erziehung und Bildung und der Sozialbehörde erarbeitet worden sei. Kurzum: Die verhaltensauffälligen Jugendlichen sollen lernen, dass sie erst in eine bessere Unterkunft kommen, wenn sie sich angemessen zu benehmen wissen.

“Die Jugendlichen spüren, dass sie hier nicht gewollt sind und landen in einer Gegend, in der sie zu kriminellen Handlungen auch noch verleitet werden könnten”
Wie lange die 20 Jugendlichen auf dem Platz zwischen Bahntrasse und Lagerhalle leben werden, hängt jedoch gar nicht nur von ihrem eigenen Verhalten ab. Eine Weitervermittlung sei “vor dem Hintergrund stark zunehmender Zahlen von jungen Flüchtlingen schwierig”, sagt Marcel Schweitzer, Sprecher der Sozialbehörde. Die freien Träger der Jugendhilfe hätten nur ein begrenztes Kapazitätsangebot. “Ein Ausbau der Hilfen zur Erziehung kann nicht in der Geschwindigkeit vorgenommen werden, wie es erforderlich ist”, sagt er.

Flüchtlingsverbände üben scharfe Kritik

Es gibt einige Experten, die an dem Konzept des Senats zweifeln. Thomas Berthold vom Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge etwa befürchtet, dass sich die Lage der Jugendlichen im Industriegebiet verschlimmere. “Sie sind traumatisiert, staatliche Autoritäten haben sie meist auf negative Weise erlebt”, sagt er. Die Verlagerung an den Stadtrand wirke für sie „wie eine Abschiebung“: “Die Jugendlichen spüren, dass sie hier nicht gewollt sind und landen in einer Gegend, in der sie zu kriminellen Handlungen auch noch verleitet werden könnten”, so Berthold.

Auch Bernd Mesovic, stellvertretender Geschäftsführer von Pro Asyl, findet deutliche Worte: “Mit dem Kindeswohl hat das nichts zu tun”, sagt er. Es stelle sich die Frage, ob Hamburg auch einheimische Jugendliche in eine ähnliche Isolation verbannen würde, um sie pädagogisch besser erreichen zu können.

Minderjährige unbegleitete Flüchtlinge
… sind Kinder und Jugendliche, die ohne Eltern oder andere Sorgeberechtigte eingereist sind. Nach internationalem Recht gelten sie als besonders schutzbedürftig. Bis sie 18 Jahre alt sind, erhalten die sogenannten „MUF’s“ eine Duldung und einen Vormund – in der Regel das Jugendamt, in seltenen Fällen auch Privatpersonen. In vielen Ländern durchlaufen sie ein „Clearingverfahren“, in dem die Flüchtgründe ermittelt werden und geklärt wird, wo sich noch Verwandte aufhalten könnten.
Wie genau sich die Sozialbehörde um die jungen Flüchtlinge kümmern will, gab sie vergangene Woche bekannt: Bei der Unterbringung in den Wohncontainern soll es nicht bleiben. Die Heranwachsenden werden in einem an die Container angrenzenden Gebäude betreut, es soll Gemeinschaftsräume, Kochmöglichkeiten und Sanitäranlagen geben, auch eine individuelle Suchtberatung wird angeboten. Ein Teil des Lagergeländes wird durch einen Zaun abgesperrt. 14 Fachkräfte sollen für die Betreuung der Jugendlichen eingesetzt werden – vier Pädagogen und zehn Sprach- und Kulturmittler. Ein Betreuer wäre damit theoretisch für 1,43 Flüchtlinge zuständig – das ist ein deutlich höherer Schlüssel als in den anderen Einrichtungen des Kinder- und Jugendnotdienstes. Nach Bertholds Meinung reicht er nicht aus: “Vier Pädagogen, die vermutlich im Schichtdienst eingesetzt und damit nicht gleichzeitig vor Ort sein werden, das ist zu wenig”, sagt er.

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Die Linke vermutet eine Umweltbelastung des Geländes

Ein weiteres Argument, das Kritiker gegen die neue Unterbringungen anführen: eine mögliche Umweltbelastung des Geländes. Die Großwäscherei Wulff betrieb in unmittelbarer Nachbarschaft, am Anton-Ree-Weg, jahrelang einen Standort, ein Schild am Eingang zeugt noch heute davon. Die Firma ist einst in die Schlagzeilen geraten, weil sie an der Jarrestraße in Barmbek das Grundwasser mit Chemikalien schwer verseuchte. “Wenn schon mitten im Wohngebiet Giftstoffe ins Wasser geleitet wurden, hat die Wäscherei vermutlich auch im Industriegebiet ihre Spuren hinterlassen”, sagt die Linken-Bürgerschaftsabgeordnete Christiane Schneider. Sie hat eine kleine Anfrage an den Senat gestellt, damit dieser dem Verdacht nachgeht.

Die Lage in Hamburg
Viele „MUF’s“ zieht es in die Großstädte: Hamburg nahm im Jahr 2014 2.011 minderjährige Flüchtlinge auf, das sind im bundesweiten Vergleich überdurchschnittlich viele. Der SPD-Senat hat nun im Bundesrat eine Gesetzesinitiative auf den Weg gebracht, die dafür sorgen soll, dass minderjährige unbegleitete Flüchtlinge in Zukunft gleichmäßig auf die verschiedenen Bundesländer verteilt werden.

Sorgen bereitet die neue Flüchtlingsunterkunft nicht nur Experten, sondern auch Anwohnern. Ein wiederkehrendes Thema: Die Nähe zum Straßenstrich in der Süderstraße. “Das Prostitutionsgewerbe ist dort sehr präsent und wird von den Hells Angels kontrolliert, das weiß jeder im Stadtteil”, sagt der 19-jährige Tobias K., der in einer Werbeagentur in der Nähe des Stadtreinigungsgeländes arbeitet. Doch die Polizei widerspricht diesen Spekulationen:“Die Hells Angels zeigen weder in Hamm noch sonst im Stadtgebiet Präsenz. Sie existieren zwar als Organisation, jedoch ohne kriminalpolizeilich besondere Auffälligkeiten.”

Dass eine Nähe zur organisierten Kriminalität zu Konflikten führen könnte, zeigt ein Vorfall aus dem vergangenem Oktober: Fünf junge Nordafrikaner wurden auf St. Pauli krankenhausreif geschlagen, nachdem sie in einen Streit mit Zuhältern gerieten.

Fotos: Marvin Mertens
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Kommentare anzeigen (2)

2 Kommentare

  1. Erich

    16. April 2015 at 10:13

    Das ist so typisch Politik, wenn keiner weiß, was man mit den Jugendlichen machen soll, dann kommen sie in die Schmuddelecke !! Diese Jugendlichen sollten sich mal zusammen tun, und mal eine Klage gegen die Jugendpolitik einreichen. Denn hier werden ihre Rechte verletzt, und deshalb müssen alle dies aufs Schärfste verurteilen !! Ich hoffe, das dies auch so passiert, denn so sollte es nicht bleiben !! Tiere behandelt man besser, wenn das so bei Tieren passieren würde, würden die Menschen auf die Barrikaden gehen. Aber alle schauen nur zu, und meinen, sie könnten nichts machen, was leider nicht stimmt.

    In diesem Sinn, E.Heeder – Stadtteilkünstler & HINZ&KÜNZTLER

  2. Pingback: Mehr Flüchtlingsunterkünfte, guter Basketball - Speersort 1 - ZEIT ONLINE

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