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„Gewalt an Frauen hat viele Gesichter – der Widerstand auch“

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Annika Lasarzik
@miracledrug

Ressortleiterin Politik I Studium der Politikwissenschaft, Journalistik und Kommunikationswissenschaft in Hamburg und Bordeaux I Kontakt: lasarzik@hh-mittendrin.de

Es passiert Zuhause, am Arbeitsplatz, in der Öffentlichkeit oder im Internet: Millionen Frauen erleben täglich physische und psychische Gewalt. Der Bedarf an Hilfsangeboten ist groß, doch schützende Einrichtungen wie die Frauenhäuser klagen über Existenznöte.

Zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen wurde auch in Hamburg öffentlich für das Thema sensibilisiert: Am Morgen verteilte Justiz- und Gleichstellungssenatorin Jana Schiedek gemeinsam mit Bischöfin Kirsten Fehrs frische Brötchen am Hauptbahnhof, um für frauenspezifische Hilfsangebote zu werben. Sozialsenator Detlef Scheele würdigte die Beratungsarbeit und das ehrenamtliche Engagement während eines Senatsempfangs. Am Abend zogen schließlich linke Frauenorganisationen mit Laternen, Fackeln und Wunderkerzen durch die Stadt. Das Motto: „Gewalt an Frauen hat viele Gesichter, der Widerstand auch“. Dabei wurde dreier kurdischer Aktivistinnen gedacht, die 2013 in Paris ermordet wurden.

In Deutschland ist Gewalt an Frauen keine Randerscheinung: Jede vierte Frau wird mindestens einmal im Leben zum Opfer häuslicher Gewalt, der Täter ist in der Regel der eigene Partner. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Europäischen Grundrechteagentur, die Anfang des Jahres vorgestellt wurde. 60 Prozent der Befragten gaben außerdem an, schon einmal sexuell belästigt worden zu sein.
Die EU-Studie deckt sich mit den Ergebnissen einer Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2013. Demnach wird weltweit mehr als jede dritte Frau (35 Prozent) Opfer von sexueller und körperlicher Gewalt. Auch weibliche Genitalverstümmelung, Zwangsheirat, Mord an weiblichen Neugeborenen, Frauenhandel oder sogenannte „Ehrenmorde“ zählt die UN zum Feld der Gewalt gegen Frauen.

Frauenhäuser fordern anderes Finanzierungsmodell

Es sind Zahlen, die für sich sprechen – doch tatsächlich ist das Ausmaß der Brutalität in Deutschland vermutlich noch höher: Nur ein Fünftel der von Gewalt betroffenen Frauen wendet sich an eine Beratungsstelle, Experten vermuten eine hohe Dunkelziffer. „Viele Frauen fühlen sich hilflos und schämen sich, ihre Rechte einzufordern und Hilfe zu suchen. Viele sprechen mit niemandem über die erlebte Gewalt“, sagt Heike Herold, Geschäftsführerin vom Bundesverband Frauenhauskoordinierung. Dabei ist der Weg in ein Frauenhaus für Betroffene oft der letzte Ausweg: Um der Gewaltspirale zu entkommen, müssen Frauen häufig ihr soziales Umfeld aufgeben. Insbesondere wenn Verfolgung und weitere Bedrängung durch den Täter zu befürchten sind, gewährleisten die Häuser den notwendigen Schutz.

Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen
Mit dem Internationalen Tag für die Beseitigung von Gewalt gegen Frauen soll an das Schicksal dreier Schwestern aus der Dominikanischen Republik erinnert werden. Am 25. November 1960 waren die Regime-Gegnerinnen vom Geheimdienst nach monatelanger Folter ermordet worden. Die drei Frauen avancierten zum Symbol für Gewalt gegen Frauen in Lateinamerika.  Seit den frühen 80er-Jahren organisieren Menschenrechtsorganisationen wie Terre des Femmes Protestationen, 1999 erklärten die Vereinten Nationen den Todestag zum Tag gegen Gewalt an Frauen.

In Hamburg gibt es fünf Frauenhäuser, die 194 Plätze anbieten. 2013 haben 749 Frauen und 537 Kinder dort Zuflucht gefunden, im Durchschnitt blieben sie 82 Tage. Die Stadt Hamburg fördert die Einrichtungen jährlich mit knapp zwei Millionen Euro. Doch nicht überall erhalten Frauenhäuser einen Pauschalbetrag: Wie viel Geld in den verschiedenen Bundesländern zur Verfügung steht, variiert. Weil es keinen Rechtsanspruch auf eine Förderung gibt, müssen in einigen Ländern Frauen selbst zahlen für ihren Aufenthalt – die Kosten belaufen sich dabei auf bis zu 80 Euro pro Tag.

„Die Finanzierung ist ein riesiges Problem. Weil wir auf freiwillige Leistungen der Länder und Kommunen angewiesen sind, wird zuerst an den Frauenhäusern gespart“, sagt Heike Herold. Die Folgen: Fehlende Plätze und Personalmangel. „Gerade in den städtischen Ballungsgebieten sind viele Häuser überfüllt, darüber hinaus müssen wir am Personal sparen – das geht so weit, dass in der Nacht oft kein Mitarbeiter im Haus ist, von Sicherheitspersonal ganz zu schweigen – die Frauen sind ganz allein.“

Fehlende Betreuung für Frauen mit Behinderung

Die Leidtragenden der prekären Finanzlage sind ausgerechnet jene Frauen, die besonders schutzbedürftig sind: Nur zehn Prozent aller Frauenhäuser sind barrierefrei, einen rollstuhlgerechten Raum etwa haben nur 36 der 343 Häuser in ganz Deutschland. Dabei sind gerade behinderte Frauen überproportional oft von Gewalt betroffen, wie eine Studie der Universität Bielefeld belegt. Trotzdem würden Frauen mit Behinderung in vielen Häusern abgewiesen, sagt Herold. Und mit dem barrierefreien Zugang sei es nicht getan: „Wir brauchen Sonderpädagogen oder Gebärdendolmetscher, um den Bedürfnissen der Frauen gerecht zu werden – doch das können wir uns nicht leisten.“

Auch die Hamburger Frauenhäuser waren in der Vergangenheit immer wieder von Einsparungen und Kürzungen betroffen, barrierefrei sind derzeit zwei der fünf Häuser – dabei ist Hamburg im Vergleich zu anderen Ländern sogar relativ gut aufgestellt. Problematisch ist jedoch die Weitervermittlung in privaten Wohnraum: Weil der Transfer stagniert, verbleiben viele Frauen immer länger in den Hamburger Frauenhäusern. Ein Kontingent an städtischen Wohnungen für schutzbedürftige Frauen, das die Frauenhäuser mehrfach eingefordert haben, lehnt der SPD-Senat bisher ab. Stattdessen will der Senat nun mit einem neuen Opferschutzkonzept neue Wege gehen: Das „Konzept zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen, Menschenhandel und Gewalt in der Pflege“ soll zur Verbesserung der städtischen Schutz- und Beratungsangebote beitragen.

Foto: Flaggezeigen (Eigenes Werk) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

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