Stadtgespräch

Egotronic: „Warum sind die Menschen so dumm?“

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Tobias Johanning
@tobiasjohanning

Redakteur | E-Mail: johanning@hh-mittendrin.de

Die Berliner Electropunk-Band Egotronic veröffentlicht am 14. März ihr neues Album „Die Natur ist dein Feind“. Mittendrin hat den Frontsänger Torsun schon getroffen und mit ihm über Feindbilder, die Natur und Dopamin gesprochen.

Hafenklang, Hintereingang, Bandroom. Viele Hochbetten stehen in einem kleinen Zimmer, sodass man denken könnte, man sei in einer Jugendherberge. Doch dazu kleben zu viele Aufkleber an den Fenstern, von fast jeder Band, die schon einmal nach einer Show ins Bett gefallen ist. Hier treffen wir Torsun, Frontsänger von Egotronic.

Mittendrin: Die erste Show der Tour war Anfang Februar in Dresden, danach folgte der Heimauftritt in Berlin. Wie war’s?

Torsun: Beide Shows waren fantastisch, aber Berlin war natürlich nochmal etwas besonderes, weil wir da alle wohnen und dann an einem Donnerstag eine solche Stimmung zu haben, ist schon toll!

Das Album erscheint ja erst im März, das heißt, die Leute sind ohne zu wissen, was sie erwartet in die Konzerte gegangen. Wie waren die Reaktionen?

Torsun: Wir spielen jetzt gerade sehr lange Konzerte über zwei Stunden und spielen dann von allen Platten etwas und natürlich auch neue Songs. Wir sind ja jetzt eine Band mit Schlagzeug und Gitarre, das heißt auch die alten Stücke klingen ganz anders. Deswegen bin ich auch happy, dass die Idee so aufgegangen ist und dass die Leute das so gut aufnehmen.

Seid ihr noch richtig aufgeregt gewesen, als ihr die beiden ersten Shows der Tour gespielt habt?

Torsun: Ich war in Berlin extrem aufgeregt und das war wirklich schon lange nicht mehr. Ich musste dann vorher vier Biere trinken, um einfach so ein bisschen die Nervosität wegzubekommen. Es eigentlich auch richtig geil, weil es ist ja ein neuer Sound und ich bin wieder so, wie ich ganz am Anfang war.

Eure Musik war früher eher elektronisch, jetzt klingt sie wieder punkiger. Extra oder Zufall?

Torsun: Extra! Ich wollte wieder mehr Gitarrensound dabei haben, das ist für die Leute jetzt auch greifbarer, was da oben bei uns passiert. Es klingt einfach homogener, ein bisschen menschlicher. Fehler fallen dabei natürlich auch auf, aber das gehört dazu.

Das neue Album habt ihr „Die Natur ist dein Feind“ genannt. Was habt ihr gegen die Natur?

Torsun: Ich werde jetzt vierzig, ich kriege Gebrechen und die Natur macht mir das Leben manchmal schwer und das nehme ich als feindlichen Akt wahr. Wenn ein Tsunami tausende Leute tötet, dann ist das einfach ein kriegerischer Akt und sie ist besser bewaffnet als wir. Aber der Titel lässt ja auch viele Interpretationsspielräume zu. Mich haben schon Leute gefragt, ob ich die erste oder zweite Natur des Marxismus meine. Die zweite Natur ist dabei der Kapitalismus, dieses warenproduzierende System, welches wie die Natur allumfassend ist. Und der Kapitalismus ist uns ja auch alles andere als wohlgesonnen.

Habt ihr nicht andere Feindbilder als die Natur, die wichtiger sind?

Torsun: Also da gibt es genügend. Ich habe eine Menge Feindbilder, aber ich mache ja jetzt mit einem Plattentitel kein Feindbildranking auf. Meine Nummer Eins wären jetzt als erstes Rassisten oder Nazis, überhaupt rechte Ideologen. Aber denen widme ich nicht unbedingt einen Plattentitel.

Nicht nur in Hamburg, sondern in ganz Deutschland gibt es Diskussionen wegen Flüchtlingsheimen und Asylbewerbern. Das Thema wurde auch in dem Song „Wie lange“ aufgegriffen. Wieso?

Torsun: Der Song ist aus den Eindrücken von Hellersdorf [Hier gibt es ein Flüchtlingsheim, welches schon mehrfach angegriffen wurde. Anm. d. Red.] entstanden. Es ist schon frustrierend. Ich weiß gar nicht mehr, was man machen soll. Weil Aufklärung scheint nichts zu nützen. Man denkt manchmal: „Warum sind die Menschen in so großen Mengen so unfassbar dumm?“

Denkst du, dass du dagegen etwas mit deinen Alben bewirken kannst?

Torsun: Ein Song kann ja kein Buch ersetzen, dafür ist er zu kurz. Aber wenn man dadurch ein paar Leute auf die richtige Seite ziehen kann, dann finde ich das gut!

Du hast eine chemische Formel als Tätowierung auf deinem Arm, sie ist auch auf dem Album abgebildet. Was bedeutet sie?

Torsun: Das ist Dopamin, das körpereigene Glückshormon. Ich mag das Symbol und habe es fast seit der Produktion dieser Platte als Tätowierung, es passt also einfach zu der Platte. Das hatten wir gestern beim Berlin-Konzert auch ganz viel in unserem Blut.

Das Interview führte Tobias Johanning

Fotos: Tobias Johanning, Marvin Mertens und Mimikry Berlin

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