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„Wir sind der Schattensenat!“

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Annika Lasarzik
@miracledrug

Ressortleiterin Politik I Studium der Politikwissenschaft, Journalistik und Kommunikationswissenschaft in Hamburg und Bordeaux I Kontakt: lasarzik@hh-mittendrin.de

Am Mittwochabend hat das Thalia-Theater zum Konzert „L’Universal Schattensenat“ mit acht Lampedusa-Flüchtlingen und Bernadette La Hengst  eingeladen. Neben der Musik standen auch persönliche Fluchtgeschichten auf dem Programm. Dabei wurde deutlich: Ihre Zuversicht verlieren die Männer auch jetzt nicht. 

Ich weiß nicht, was wird. Seit drei Jahren existiere ich nur noch zum Essen und zum Schlafen. Das ist alles, was ich tue.“ Leise Worte, ein leerer Blick, die Schultern hängen müde herunter: Es sind Momente wie dieser, die berühren an diesem Mittwochabend in der St. Pauli-Kirche. Acht Flüchtlinge aus der Lampedusa-Gruppe stehen auf einer improvisierten Bühne vorne im Kirchenschiff, gemeinsam mit der Musikerin Bernadette La Hengst werden sie heute Musik machen, ein „Weihnachtsgeschenk“ für ihre UnterstützerInnen auf St. Pauli soll es sein. Doch zuvor erzählen sie ihre Geschichten – auf einer Videoleinwand erscheinen die Gesichter der Männer, die schüchtern und zunächst ein wenig unbehaglich daneben stehen. Heute werden sie ihre Erinnerungen teilen an all das, was hinter ihnen liegt und leicht fällt es ihnen offenbar nicht.

Das Leid der Flüchtlinge wird greifbar

Seit Monaten ist immer wieder die Rede von jenen „etwa 300 Lampedusa-Flüchtlingen“, die zunächst auf Hamburgs Straßen lebten und von denen einige seit Juni in der Kirche von Pastor Sieghard Wilms Unterschlupf gefunden haben. Viel wurde über sie geredet, nicht immer mit ihnen.

Ihr Schicksal ist inzwischen weithin bekannt und auch an diesem Abend sind ihre Erzählungen von den altbekannten Motiven durchzogen: Die verlorene Heimat in Afrika, die Wirren des libyschen Bürgerkriegs, das Elend in den italienischen Asyllagern, das Leben auf Hamburgs Straßen. Es gibt genügend Berichte und Bilder, die das Leid der Flüchtlinge belegen, und doch erscheint all das immer ein wenig abstrakt, irgendwie unvorstellbar und vor allem: Weit weg.

Und so singt auch Bernadette La Hengst in einem ihrer Lieder: „Weit weg von hier ist alles anders“. Die Sehnsucht nach der Heimat beim Blick in die Ferne und das Wissen, dennoch nicht zurück zu können durchziehen auch die lebhafteren Stücke des Abends. Durch persönliche Anekdoten und Details werden die Geschichten der Flüchtlinge greifbar, nachvollziehbar werden die Gründe, warum sie nach Libyen gingen. Ein großer Supermarkt verdrängte das kleine Familiengeschäft in Ghana und ruinierte die wirtschaftliche Grundlage, ein libyscher Fußballcub bot einem talentierten Fußballer aus Mali ein Engagement – das Publikum erfährt auch, wie während des Libyenkrieges offener Rassismus losbrach und die Männer zur erneuten Flucht bewegte.

Dann erklingt Reggae-Musik, die Männer beginnen ausgelassen zu tanzen, rufen ihren Gästen ein enthusiastisches „Show me how to dance!“ zu – plötzlich verflüchtigt sich das irritierende Gefühl, Welten voneinander getrennt zu sein.

Theater kann politisch sein: Thalia unterstützt Flüchtlinge

Das Konzert ist Teil einer Kooperation zwischen dem Thalia-Theater und der St. Pauli-Kirche. Seit der Urlesung von Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ im September, an der SchauspielerInnen und Flüchtlinge mitwirkten, steht die Kritik an der Flüchtlingspolitik auf dem Spielplan. Am Ende jeder Theatervorstellung werden Spenden gesammelt, bis heute sind so fast 40.000 Euro zusammengekommen. Bei dem Engagement für die Lampedusa-Gruppe gehe es „nicht nur um Caritas“, wie Theaterintendant Joachim Lux bekannt gab. Voneinander lernen wolle man, Begegnungen schaffen und einander näher kommen, denn gerade von der Kraft und dem Überlebenswillen der Flüchtlinge könne man sich hier noch einiges abschauen, sagt Lux.

Und ja: Auch wenn sich im Publikum in der St. Pauli-Kirche angesichts der tragischen Schicksale dieser Männer unweigerlich Betroffenheit einstellt, eine hierarchische Trennung zwischen privilegierten Helfern und hilflosen Opfern, die vielen Wohltätigkeitsorganisationen zu eigen ist, gibt es hier nicht. Unter den heute in der Kirche versammelten Menschen sind viele bekannte Gesichter, Leute aus der Nachbarschaft, aus der Kirchengemeinde, vom FC St. Pauli. Menschen, die das Leben der Flüchtlinge in der Kirche mitgestalten und ein bisher ungekanntes Maß an nachbarschaftlicher Solidarität demonstrieren.

„Menschenrechte gelten hier nur für die Europäer“

Wir bleiben hier“ singen die Flüchtlinge, eine Hommage an die hartnäckige Parole „We are here to stay“, die seit Monaten bei den Demonstrationen und Protestaktionen auf Hamburgs Straßen erklingt. Hier liegt wohl das besondere Moment dieser Bewegung: Diese Männer zählen zu den schwächsten Gliedern in Europa, viele von ihnen haben keinen offiziellen Aufenthaltsstatus, kein Recht auf Niederlassung, auf Arbeit, auf Gesundheit. Sie sind Teil eines Systems, in dem man um die kritischen Zustände in den Asylbewerberheimen weiß, um den Aufbau des europäischen Reichtums auf Kosten der afrikanischen Heimat, um die Kritik an der Migrationspolitik. Doch was von ihnen erwartet wird, ist Schweigen und die stille Akzeptanz ihrer Situation. Nun erheben diese Männer ihre Stimme und sie tun dies mit Bedacht – denn sie kennen sehr wohl die komplexen politischen Zusammenhänge, die sie in diese Lage gebracht haben, vielleicht kennen sie sie besser als viele Andere, die sich derzeit in die national geführte Debatte um Migration einmischen.

Europa ist kein Kontinent der Menschenrechte – hier gelten nur die Rechte der Europäer“, heißt es in einem Lied. Immer wieder in der Kritik steht auch der Hamburger SPD-Senat, welcher der Gruppe kein humanitäres Bleiberecht gewähren will. Also haben sie selbst eine eigene Alternative gegründet, den „Schattensenat“, in dem jedes Mitglied seinen eigenen Posten hat: Einzeln treten die Männer ins Licht und stellen sich vor, als „Senator der Freiheit“, „Senator der Straße“ oder „Senator von St. Pauli“.

Die Stimmung nach dem Konzert ist heiter, entspannt. Einige Gäste bedanken sich bei den Musikern, Weihnachtsglückwünsche werden ausgetauscht. Hier geht es den Männern gut – verglichen mit dem, was hinter ihnen liegt. Doch an den kargen Wohncontainern auf dem Gelände, den wenigen Toiletten, die sich die 80 Männer teilen müssen, liegt das sicher nicht.

Die Zukunft der Lampedusa-Flüchtlinge ist auch weiterhin ungewiss. Inzwischen haben Einige eine vorläufige Duldung von der Stadt erhalten, andere entziehen sich den Behörden immer noch aus Angst vor einer Abschiebung nach Italien. Und so idyllisch dieser Abend mit all seiner geselligen Adventsstimmung auch erscheinen mag – es ist nur allzu deutlich, dass diese zusammengewachsene Notgemeinschaft äußerst fragil ist.

 

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