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Stadtentwicklung ohne Migranten?

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Annika Lasarzik
@miracledrug

Ressortleiterin Politik I Studium der Politikwissenschaft, Journalistik und Kommunikationswissenschaft in Hamburg und Bordeaux I Kontakt: lasarzik@hh-mittendrin.de

Bild: Martin Kunze (IBA) Weltquartier Mit ihrem Programm „Kosmopolis“ will die Internationale Bauausstellung (IBA) Raum für die kulturelle Vielfalt in Wilhelmsburg schaffen – mitentscheiden sollen Migranten jedoch nicht.

In gekürzter Fassung veröffentlicht in der taz Hamburg vom 30. April 2013.

Es ist eine Szene, die sich Ali Yüce beinahe täglich bietet: Vor dem Büro des Sozialarbeiters im Integrationszentrum Wilhelmsburg hat sich bereits am frühen Morgen eine Menschentraube gebildet. Geduldig warten sie auf Einlass – dabei ist an diesem Mittwoch eigentlich keine offene Sprechstunde vorgesehen. Seit 15 Jahren arbeitet Yüce für die Bürgerinitiative ausländischer Arbeitnehmer, die Information und Beratung für Migranten anbietet. Der Bedarf ist groß: „Steigende Arbeitslosigkeit und wachsende Armut prägen den Stadtteil heute stärker als früher, die soziale Lebenslage hat sich insbesondere für die migrantische Bevölkerung massiv verschlechtert“, weiß Yüce. „Für viele Menschen sind wir die einzige zentrale Anlaufstelle hier.“ Das unliebsame Image als sozialer Brennpunkt haftet Wilhelmsburg schon lange an. Die südlich gelegene Elbinsel zählt zu den unbeliebtesten Wohnvierteln in Hamburg, wie eine am 22. November 2012 veröffentlichte Umfrage der Hamburger Morgenpost ergab. Mit der Internationalen Bauausstellung (IBA) soll dem Stadtteil nun endlich der „Sprung über die Elbe“ gelingen: 2007 fiel der Startschuss, rund 60 bauliche, soziale und kulturelle Projekte wurden seitdem realisiert. Sie sollen einen Ausblick geben auf ein sozial und ökologisch verträgliches Leben in einer modernen Metropole – das ist dem Hamburger Senat rund 90 Millionen Euro wert.

Doch nicht nur die Realisierung großer Bauprojekte steht auf dem Programm. Eines der zentralen Leitkonzepte der IBA nennt sich „Kosmopolis“, im Fokus stehen kulturelle Vielfalt und Integration. „Rund ein Drittel der 50.000 Einwohner Wilhelmsburgs hat einen Migrationshintergrund. Daher ist uns die Förderung des interkulturellen Zusammenlebens besonders wichtig“, erklärt Uli Hellweg, Geschäftsführer der IBA Hamburg. Durch Investitionen in Schulen und Kindertagesstätten im Rahmen einer „Bildungsoffensive“ sei die IBA für Migranten ein echter Glücksfall: Erfolgsindikatoren sieht der Diplom-Ingenieur bereits heute in sinkenden Schulabbrecher- und steigenden Abiturientenzahlen. Auch der Wohnraum solle auf die Bedürfnisse der verschiedenen Kulturen zugeschnitten werden. Dabei sei den Stadtplanern ein reger Austausch mit migrantischen Initiativen und Vereinen wichtig, dies geschehe durch zielgruppenspezifische Beteiligungsformate: „Mit klassischen Informationsveranstaltungen erreichten wir stets nur den deutschen Mittelstand – also sind wir auf die Migranten zugegangen, haben 2007 mit sechs fremdsprachigen Studenten der Universität Hamburg Bewohner des Reiherstiegviertel besucht und sie nach ihrem Verständnis von „Heimat“ gefragt“, erklärt Hellweg. In der ehemaligen Arbeitersiedlung aus den 30er Jahren leben heute Menschen aus 34 Nationen. Entstanden ist dort ein Vorzeigeprojekt der IBA: Das so genannte „Weltquartier“. Rund 750 Genossenschaftswohnungen der SAGA GWG werden grundsaniert oder abgerissen und neu gebaut. Die Vorstellungen und Wünsche der Mieter seien dabei berücksichtigt worden.

Größer und energiesparender sollte der neue Wohnraum sein – und günstiger: Laut Angaben der Wohnungsbaugesellschaft beträgt die Netto-Kaltmiete höchstens 6,53 Euro pro Quadratmeter. Aufwerten ohne zu verdrängen und dabei das multikulturelle Flair erhalten. Von diesem Credo der IBA spürt Cemal Innan bisher nur wenig – im Gegenteil. Seit 30 Jahren lebt er in Wilhelmsburg. Abgesehen von einer sichtbaren Veränderung des Stadtbildes durch zahlreiche neue Baustellen spürt er bisher nur die gestiegenen Mietpreise. Seit Jahren sucht der türkische Familienvater nach einer für ihn erschwinglichen 3 Zimmer-Wohnung. Ohne Erfolg. „Die Mieten sind inzwischen so hoch wie im Zentrum der Stadt. Schon bald werde ich mir ein Leben in Wilhelmsburg nicht mehr leisten können und umziehen“, fürchtet Innan. Zudem fühle er sich schlecht informiert: „Der Großteil meiner Mitbürger weiß gar nicht, was die IBA bedeutet – geschweige denn, welche langfristigen Folgen das Projekt nach sich ziehen könnte“, sagt der Familienvater.

Cemal Innan steht mit dieser Meinung nicht alleine da: Auch Mehmet Yildiz (Die LINKE), Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft seit 2008 und dort in den Ausschüssen Migration, Familie und Jugend aktiv, sieht die Kommunikationspolitik der IBA kritisch: „Hausbesuche bei Migranten sind vielleicht ein guter Ansatz, doch das war eine einmalige PR-Aktion. Stattdessen sollten Stadtplaner und Politiker die migrantische Bevölkerung regelmäßig informieren und geeignete Partizipationsstrukturen für sie schaffen“, fordert der Politiker. Möglichkeiten, das Informationsdefizit zu begleichen, gebe es viele. Denkbar seien etwa mehrsprachige Flyer, regelmäßige Informationsstände auf den öffentlichen Marktplätzen oder die Anmietung öffentlicher Räume, um Orte der Kommunikation zu schaffen, so Yildiz.

Foto: Jonas Walzberg IBA-GeländeDoch ob die Ideen der migrantischen Bürger für das Stadtentwicklungsprojekt wirklich von Interesse seien, bezweifelt er: „Zu den Informationsveranstaltungen im IBA Docks-Gebäude wurden bisher ausschließlich unkritische Bürgervereine eingeladen, darunter überwiegend religiöse Gruppen wie die Moscheevereine, oder der türkische Elternbund. „Politische Initiativen, die dem Projekt „IBA“ eher kritisch gegenüberstehen, werden vom Dialog bereits strukturell ausgeschlossen“ – dies weiß Yildiz aus seiner engen Zusammenarbeit mit den örtlichen Initiativen zu berichten. Dabei wünschen sich auch andere Bürgervereine schon lange bessere Partizipationsmöglichkeiten: Marianne Groß engagiert sich seit Jahren für den Verein Zukunft Elbinsel e.V.. Sie fühlt sich zwar gut informiert durch die Vertreter der IBA, doch „mitentscheiden können wir trotzdem nicht, daran hapert es“, weiß das Vorstandsmitglied zu berichten. Sozialberater Ali Yüce wundert es nicht, dass sich Frust und Resignation unter den Wilhelmsburgern breit macht. Die Bereitschaft, sich politisch und kulturell zu engagieren, sei zwar deutlich gestiegen. Um eine partizipative Stadtteilkultur unter Einbezug aller kulturellen Gruppen zu schaffen, müsse jedoch zunächst günstiger öffentlicher Raum geschaffen werden. Das scheitert nicht zuletzt durch den Aufwertungsprozess im Zuge der Internationalen Bauausstellung. „Für öffentliche Versammlungsräume sind teure Mieten fällig. Viele Aktive engagieren sich ehrenamtlich, sind zudem Geringverdiener oder Hartz IV-Empfänger und können sich das einfach nicht leisten“, so Yüce. „Statt prestigeträchtige Großbauten in den Stadtteil zu setzen, die nur zu teuren Mieten bewohnbar sind, könnte die Politik Räume bereit stellen und so bereits auf niederschwelliger Ebene etwas für das soziale Miteinander und die kulturelle Vielfalt im Stadtteil tun.“

Doch die politischen Entscheidungsträger setzen derzeit ganz andere Impulse: Zum Jahresbeginn wurde das Amt für Grundsicherung und Soziales vom Wilhelmsburger Rathaus ins Zentrum Hamburgs verlegt – trotz des Protests vieler Anwohner, die den Weg in die Stadt besonders für alte und behinderte Menschen zu lang finden. „Grund für den Umzug ist der Sparzwang des Senats- den Bürgern Wilhelmsburg ist damit nicht geholfen“, ärgert sich Yüce. Am 22. März wurden die IBA-Bauprojekte der Öffentlichkeit vorgestellt und damit das Präsentationsjahr 2013 eingeläutet. Ob Sozialberater Ali Yüce Zeit finden wird, eine der Veranstaltungen zu besuchen, erscheint fraglich – immer noch warten die Menschen vor seinem Büro, dort stapeln sich schon die  Aktenordner. Es gibt noch viele wichtige Baustellen in Wilhelmsburg, auf denen gearbeitet werden muss: Einige werden auch nach der Internationalen Bauausstellung noch bestehen.

Titelbild „Weltquartier“ Martin Kunze (IBA-Hamburg) | Bild im Text: Jonas Walzberg

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